Tanz&FolkFest Rudolstadt 7.-9. Juli 2006
Nach einem Jahr Pause wollte ich das "tff" in diesem Jahr mit einer Radtour durch Oberfranken und das Maintal verbinden. Gemeinsam mit meiner Freundin reiste ich schon am Donnerstag mit kombinierten Niedersachsen- und Thüringen-Tickets der DB an. Es war ein schwül-heißer Tag, und für den Nachmittag waren starke Regenfälle angekündigt. Wir hofften nur, das Zelt noch vor dem Unwetter aufbauen und alles verstauen zu können. Wir wählten den mittleren Zeltplatz (Sportplatz) aus - ein Kompromiss zwischen dem näher gelegenen, aber lauteren Freibad und der vermeintlich ruhigeren, aber mit längerem Fußmarsch verbundenen Wiese. Der Boden war so knüppelhart, dass wir zum Einschlagen der Heringe einen Gummihammer von Zeltnachbarn leihen mussten. Wie durch ein Wunder blieb es den ganzen Abend regenfrei. Wir hatten zwar keine Karten für das Sonderkonzert gekauft, machten uns aber dennoch kurz vor 21 Uhr auf den Weg zur Burgterrasse der Heidecksburg auf, um bei endlich wieder erträglicheren Temperaturen den fröhlichen mediterranen Klängen des Projektes "La Notte della Taranta" zu lauschen. Der Blick von der Mauer auf die Stadt und das Saaletal ist jedes Mal wieder ein Genuss, und nun waren wir auch innerlich "angekommen". Die Musik war noch gut zu hören - ein Mix aus süditalienischer Folklore mit ein paar Rock- und Jazzelementen - und passte gut zu diesem heißen Sommerabend. Wir blieben etwa eine Stunde.
Der Freitag verging mit einigen kleineren Besorgungen. Am frühen Nachmittag setzte dann wirklich Regen ein, aber die Luft wurde nicht gereinigt, sondern es blieb drückend warm. Wir warteten bald zwei Stunden im Zelt, machten uns aber vor 17 Uhr trotz Regens auf in die Innenstadt, um vor dem Eröffnungskonzert noch Freunde zu treffen und einen guten Platz zu bekommen. Der Regen ließ tatsächlich bald nach, und es gab noch vereinzelte kleine Schauer. Das Eröffnungskonzert auf der Marktbühne war sehr langatmig. Einige vorgesehene Künstler steckten im Stau fest, so dass es Änderungen und Improvisationen gab, oft mit langen Umbaupausen verbunden. Der neue Bürgermeister war nicht in der Lage, seine Grußworte frei zu sprechen, sondern las komplette Sätze ab. Wo er lustig sein wollte, war er einfach nur lächerlich. Ich will Dr. Franz zurück... Musikalisch wurde es erst bei Bagad Roñsed-Mor interessant, aber genau dann kam eine lärmende Zirkusgruppe die Marktstraße entlang und trötete so laut, dass auch die bretonischen Künstler auf der Bühne verstört dreinblickten... Nun, ich wollte eh los: in der Kleinkunstbühne sollte Rada Synergica mein erstes Konzert werden. Dieses Trio aus Leipzig musste vor zwei Jahren passen, weil ihr Auftritt auf einem unüberdachten Podium dem Regen zum Opfer gefallen war. Die drei Frauen spielten osteuropäische Musik, sangen in mehreren Sprachen, oft dreistimmig, und hatten auch ein paar Einlagen zu bieten. Schönes Konzert, aber die Kleinkunstbühne war ein ziemlich abtörnendes Ambiente dafür. Wie schön wäre das auf der Straße gewesen (z. B. am Güntherbrunnen, wo sich diesmal leider kein Podium befand)! Anschließend gingen wir ins Tanzzelt im Heinepark. Erstaunlicherweise waren Bilwesz, die mich auch interessiert hätten, aber wegen Überschneidung mit Rada den Kürzeren gezogen hatten, noch nicht fertig, da wohl der Soundcheck 45 Minuten länger als geplant gedauert hat. Hätte ich diese Begründung vorher gewusst, hätte ich wohl den Regler-Knechten am Mischpult den Hals umdrehen können, denn ich nehme es vorweg: der Sound im Tanzzelt war den ganzen Abend über katastrophal! Zum Glück hörte ich später, dass auch andere Besucher dieser Meinung waren. Bei Bilwesz war die Drehleier überhaupt nicht zu hören, und die Harfe klang sehr synthetisch. Das trübte den Genuss der zentraleuropäischen Tanzmusik doch beträchtlich. - Nach Bilwesz betraten Trio Mio die Bühne. Ihre "elegante" dänische Folkmusik, von der der größte Teil aus der Feder der Geigerin Kristine Heebøll stammte, kam mit viel Ausdruck der Spielfreude herüber. Vermutlich haben die Musiker über die Monitore nicht bemerkt, dass die Geige viel zu leise war. - Es folgte das 10-köpfige Ensemble La Chavanée, auf das ich mich besonders gefreut hatte. Traditionelle Lieder und Tänze aus Zentralfrankreich (Region Bourbonnais) waren zu erwarten, u. a. mit drei (!) Drehleiern. Die Musik erfüllte meine Erwartungen zwar voll und ganz, und da ich mich nun nah an der Bühne befand, konnte ich es auch intensiver genießen. Jedoch waren die Tontechniker auch hier völlig überfordert und die Künstler entsprechend genervt. Ständig fuchtelte irgendwer herum und zeigte auf Instrumente und Monitorboxen, der Kontrabassist verließ sogar einmal die Bühne und ging persönlich zum Mischpult - gebessert hat sich dadurch aber nichts. Nachts um 1 Uhr spielten dann noch Bellowhead, die um 21 Uhr schon auf der großen Parkbühne aufgetreten waren. Im Nachhinein ärgerte ich mich, nicht schon ihr früheres Konzert gesehen zu haben. Denn obwohl es im Tanzzelt kein Workshop, sondern Mitmachtanz sein sollte, ging mehr Zeit für die Tanzanleitungen als für die Musik der 11-köpfigen (ja, es war noch zu steigern!) englischen Partyfolkband drauf, die als fantastischer Live-Act gepriesen war. Nach drei Stücken hatte ich genug und ging schlafen. Beziehungsweise, ich versuchte es, denn vom etwa 50 Meter entfernten Eingangstor drang die ganze Nacht hindurch unverschämt lautes Gelächter und Gelaber der Aufpasser. Nächstes Mal wird doch auf der großen Wiese ganz weit weg vom Weg gezeltet!
Die Sitzbänke auf dem Markt waren noch nass, als wir kurz vor 11 Uhr am Samstagvormittag dort Platz nahmen, um der Darbietung des litauischen Ensembles Dainava beizuwohnen. Nur wenige Besucher konnten sich hierhin aufraffen. Schade, denn die Litauer (ausschließlich Amateure) zeigten eine schöne Mischung aus traditionellen Liedern, Tanzmelodien und Tänzen von verschiedenen Kleingruppen verschiedenen Alters. Dennoch blieb ich nur knapp eine halbe Stunde, denn um 11.30 stand ein vermeintliches Highlight auf dem Programm: Triskilian mit ihrem "Mittelalterweltfolk" spielten in der unteren Marktstraße auf der Straßenbühne. Ich saß direkt am Bühnenrand und schwelgte in dem vielfältigen Programm mit Nyckelharpas, Sackpfeifen, Drehleier, Bouzouki und Trommeln. Es gab eigene, mittelalterliche, skandinavische, türkische, bulgarische und irische Musik, und den Musikern machte es offensichtlich genau so viel Spaß. Warum nur dürfen solche Gruppen nicht mal auf die "richtigen" Bühnen?! - Auf dem Weg zur Heidecksburg blieb ich für zwei Lieder am Schulplatz bei den Broom Bezzums aus Nordengland stehen, aber ich wollte rechtzeitig zum diesjährigen "Magie-Konzert" im Burghof sein. Instrumentenschwerpunkt 2006 war der Dudelsack, und so trafen sich eine Woche vor dem Festival Sackpfeifenspieler aus sieben Ländern, um unter Leitung von Wolfgang Meyering ein 90-minütiges Programm Magic Pipes einzustudieren. Jeder spielte neben dem Dudelsack auch andere Instrumente, wodurch das Problem der unterschiedlichen Stimmungen umgangen wurde. Natürlich hatte jeder Piper mal seinen Solo- oder Duo-Part, in dem er seinen Dudelsack in den Vordergrund stellen konnte. Das am weitesten entwickelteste Instrument dieser Spezies, die irischen Uilleann Pipes, waren leider nicht vertreten. Dafür gab es unterschiedlichste Sackpfeifen aus Schottland, Estland, Galizien, Österreich, Ungarn, der Bretagne und dem Iran! Der etwa zehnjährige Sohn des iranischen Vertreters Saeid Shanbehzadeh begleitete die Musik auf diversen Trommeln und Wolfgang Meyering auf der Mandola. Sehr ärgerlich war, dass, obwohl es an diesem Tag kein früheres Konzert auf dieser Bühne gab, wegen "technischer Probleme" gleich 35 Minuten Verspätung zu verzeichnen waren. Ich hatte keine Lust, in der drückenden Mittagshitze angesichts gleichzeitiger stattfindender Programmpunkte so lange zu warten, und ging zur Abkühlung in die Stadtkirche, in der Hoffnung, dass bei Bilwesz dort diesmal alles gut zu hören war. Ich wurde nicht enttäuscht. Als Bilwesz fertig waren, stapfte ich wieder zur Burg hinauf. Magic Pipes lief seit 15 Minuten, aber ich kam noch rechtzeitig zu einem tollen Duett zwischen dem Schotten Fraser Fifield und der Galizierin Lorena. Danach war es teilweise ziemlich schräg, vor allem als der Iraner und der Ösi sich austoben konnten. Der Iraner machte aber dazu eine publikumswirksame Show und sahnt viel Applaus ein. Dieser brandete beim in bester bretonischer Tradition gespielten Kan-Ha-Diskan zwischen dem Bretonen und dem Schotten ebenfalls auf. - Durch die Verzögerung musste auch das Programm auf der benachbarten Burgterrasse warten. Dort traten im Anschluss an das Magie-Konzert Suden Aika auf. Hierbei handelt es sich um ein weibliches Gesangsquartett aus Finnland. Ihre Lieder waren fein und kunstvoll vierstimmig arrangiert, zum Teil von Nyckelharpa und Kantele begleitet. Es war ein wirklicher Hörgenuss, der allerdings besser im Theater oder in der Kirche zur Geltung gekommen wäre. Die Mittagshitze auf der Burgterrasse passte irgendwie nicht so gut. Gegen Ende ging ein Schauer nieder. Zu dieser Zeit gingen wir hinunter zum Markt, wo Bagad Roñsed-Mor für 15.30 Uhr vorgesehen waren. Eine Bagad ist eine bretonische Blaskapelle (mit Dirigent) und besteht aus Sackpfeifen- und Bombarde-Spielern sowie Trommlern. Ihr Sound ist gewaltig, so dass sie nicht auf der Bühne, sondern unverstärkt direkt auf dem Marktplatz spielten. Wegen des Regens begannen sie 10 Minuten später und durften auch nicht länger spielen, weil auf der Marktbühne pünktlich ein Soundcheck gemacht werden musste. Schade, denn die En Dro im Wechselspiel zwischen Pipes und Bombardes waren eine Ohren- und Augenweide. - Als nächstes ging ich ins Konzertzelt zu Willy Schwarz, einem deutschstämmigen Amerikaner, der viele Jahre lang weltweit Musik der Juden gesammelt und daraus nun ein Programm zusammengestellt hat, in dem er in 9 Sprachen singt und 15 Instrumente spielt. Darunter waren bekanntere wie 'Ud, Saz oder Akkordeon, aber auch ganz exotische Teile wie so ein äthiopisches Dings mit quadratischem Korpus und nur einer Saite. Willy ist ein sehr sympatischer Typ und hat auch alles toll erklärt. Seine Musik ist gefällig, aber teilweise auch einschläfernd, vor allem nach solch einer Nacht und bei drückender Schwüle. - Die estnische Piperin Cätlin Jaago spielte etwas zeitversetzt mit ihrer Band Re:TORO auf der Burgterrasse. Während dunkelste Wolke aufzogen, vergoss ich bei jeder Stufe hinauf etwa einen Liter Schweiß - nur um noch ein paar Stücke der "Dudelsacksofon"-Musik zu hören, vergeblich nach einem Unterstand zu suchen und pünktlich vor dem Regen (der wirklich heftig werden sollte!) doch wieder zur Kirchen abzusteigen. Dort war es zwar trocken, aber absolut stickig. Ich hörte ungeplant noch die letzten drei Stücke des Konzertes der Chansonnière Françoiz Breut. Gar nicht so schlecht wie befürchtet. Da der Regen gegen 18.30 nicht aufgehört hatte, brauchte ich gar nicht erst zur Unteren Marktstraße zu gehen - der Auftritt von Bazár Dilo wäre sowieso ausgefallen. Also blieb ich in der Kirche, stieg zur Orgelempore hinauf und sicherte mir zumindest einen guten Blick für das Konzert des Shoghaken Ensemble aus Armenien, das mich sowieso interessiert hatte. Es war wohl tuend und schön, beim TFF wirklich mal wieder traditionelle Musik aus einem mehr oder weniger exotischen Land erleben zu können, nicht immer nur Folkrock, Folkjazz oder "Weltmusik" mit viel Getrommel, Saxofonen oder elektronischen Samples. Das Ensemble bot einen guten Mix aus Liedern sowie langsamen und flotten Instrumentalstücken und Soli auf dem oder der Duduk (einem Blasinstrument mit Klang zwischen Oboe und Zurna). - Um 20.30 begann im Konzertzelt das Konzert von Sväng aus Finnland. Es war schwer, an diesem Abend eine Entscheidung zu treffen, was man ansehen sollte, denn gleichzeitig liefen auch noch Älabätsch (die ich bevorzugt hätte, wenn sie nicht im Tanzzelt gespielt hätten - nach den Sound-Eindrücken des Vortages nicht wirklich reizvoll...) sowie die RUTH-Verleihung mit Rüdiger Oppermann und Konstantin Wecker (die mich als Personen ebenfalls mehr interessiert hätten, aber die Beschreibung der Projekte ging wieder sehr in die Richtung "Wir sind ja alle irgendwie so ethnisch, du"). Finnland hat jedenfalls wirklich immer wieder schräge Typen zu bieten! Die vier von Sväng traten im Anzug auf und spielten ausschließlich auf Mundharmonikas, darunter zwei Melodieinstrumente, eine "Harmonetta" und eine faszinierende Bass-Harmonika. Stilistisch sind sie offen für vieles, z. B. Tango, Balkan-Melodien oder US-Oldtime-Music. Leider natürlich auch wieder Jazz. So war das Konzert zwar hochinteressant, aber nur teilweise genussvoll. - Auf der anderen Seite des Heineparks auf der großen Bühne traten zwei Stunden früher als geplant Zakopower aus Polen auf, eine in ihrer Heimat gefeierte Folkrockband. Das Line-Up mit drei Geigen und einem Dudelsack und die Beschreibung als sehr partytauglich erinnerte mich an die Transsylvanians, weshalb ich das Konzert unbedingt sehen wollte. Es war dann auch nett, hatte aber mit Letzteren wenig gemeinsam. Vielmehr spielt die Band innovativen Folkrock mit Wurzeln in der Hohen Tatra, aber sehr fixiert auf Frontmann, den mit einer betörenden Stimme ausgestatteten Sänger, Solo-Geiger und Piper Sebastian Karpiel. - Zum Tagesausklang wollten wir nochmals auf dem Markt Bagad Roñsed-Mor sehen, und blieben auf dem Weg dahin am Theaterplatz eine Weile beim fränkischen Trio Groß Weber Farnbach sitzen. Die erhofften dreistimmigen Lieder blieben allerdings aus. Es gab zwei schöne Solo-Gitarrenstücke von Volker Groß, aber die soulige Stimme von Beate Weber war dann nicht mein Fall. Na ja, und die Bretonen waren eigentlich fast nur Statisten bei der Selbstdarstellung des Soundtüftlers Pascal Lamour, von dem wir dachten, dass er die Bagad unterstützt. In Wirklichkeit war es umgekehrt. Lamour arbeitete mit Samples, Loops und brabbelte irgendein bretonisches Zeug ins Mikro, bewegte sich wie auf Droge - die vereinzelten Bagad-Intermezzi waren zu selten. Schade, eine Bagad in einer warmen Sommernacht wäre sicher ein Erlebnis gewesen. Aber es kam noch schlimmer: auf dem Weg zum Zelt mussten wir unfreiwillig ertragen, wie aus dem nahen Konzertzelt die schrecklichen Saxofon-Eskapaden von No Jazz das Ohr folterten. Zum Glück blieb es immerhin nachts auf dem Zeltplatz etwas ruhiger als in der Nacht zuvor.
Am Morgen war es noch diesig-dunstig, aber bald setzte sich die Sonne durch, und es sollte ein heißer, trockener Tag werden. Nachdem ich meine Freundin zum Bahnhof brachte, stellte ich mich eine Stunde in die Schlange vor das Landestheater (wer dort schon mal war, weiß, dass diese Wartezeit sinnvoll sein kann), wo um 11 Uhr das erste Konzert beginnen sollte. Jede Minute lohnte sich, denn Thierry "Titi" Robin war ein absoluter Hammer. So etwas genießt man wohl nur, wenn man bei guter Akustik wenige Meter entfernt alles auch gut beobachten kann. Dieses Beobachten war eine wahre Freude. Der Gitarrist Robin wurde von einem Akkordeonspieler und einem genialen Percussionisten begleitet. Nicht einer von der Sorte "Ich trommele halt was dazu", sondern jeder Schlag war scheinbar abgestimmt und saß punktgenau. In seinen Stücken versucht Robin, Eindrücke und Landschaften klangmalerisch wiederzugeben. Stilistisch finden sich verschiedenste Zigeuner-Einflüsse wieder. Ein gleiches Thema wird immer mehr improvisiert und bietet auch Raum für ein Wechselspiel zwischen den Instrumenten. Auch wenn Robin der Kopf ist, kommen die anderen zu großer Geltung. Beeindruckt hat mich auch die Spiritualität: Robin berührte mehrfach den Theaterboden und küsste dann seine Finger. Mir war aber klar, dass die gleiche Musik aus dem CD-Spieler mich kaum berührt hätte - also kaufte ich auch keine CD. Da bis zu meinem nächsten Programmpunkt noch Zeit war, ging ich zum Neumarkt, wo La Chavanée diesmal nicht Bal Folk, sondern ein richtiges Konzert bestritten. Das Konzert hatte schon begonnen, und entsprechend schlecht war meine Sicht auf diesem engen Platz. Aber musikalisch war es ein Hochgenuss. Im Gegensatz zum Freitagabend spielte die Gruppe fast nur Lieder, und der Sound war gut. Dennoch blieb ich nicht bis zum Ende, weil ich um 13 Uhr im Handwerkerhof Les Pieds Bleus sehen wollte (mediterrane Musik mit 2 Akkordeons und Geige). Das war ein Fehler. Der Handwerkerhof war überfüllt, die Ansagen der Gruppe waren nicht zu hören, und die Sonne brannte unbarmherzig. Also ging ich gleich weiter zur Kirche, wo ich zu 13:30 Uhr ohnehin hin wollte, um die Gruppe Syn:De zu hören. Da bei diesem Quartett Marco Ambrosini und Katharine Dustmann mitwirkten, die mir beide durch diverse Projekte alter Spielleute-Musik bekannt waren, versprach ich mir viel von diesem Konzert. Ein weiterer Fehler! Offenbar ist nämlich Meike Herzig der kreative Kopf des Ensembles, und der gefiel es, zusammen mit Ambrosini alte Tanzstücke so zu verfremden, dass sie einfach nur chaotisch und teilweise atonal wirkten. Dustmann hat mal gesagt: "Musik kann im Kopf entstehen, aber sie wird nur glaubwürdig, wenn sie von Herzen kommt". Ziel verfehlt, Frau Dustmann! Das war etwas Akademisches, aber ohne jede Emotion. Der Bitte des Moderators in der Kirche, doch bitte bis zum Ende zu bleiben, mussten sich sehr früh auch sehr viele andere Zuhörer widersetzen. Ich hielt es genau vier Stücke lang aus. So blieb etwas Zeit zum Relaxen im Schatten am Schulplatz. Dort ging es um 15 Uhr mit Bazár Dilo weiter, die am Vorabend dem Regen weichen mussten. Ihre Sängerin schien gebürtige Roma zu sein, so dass ihre Balkan-Musik ziemlich authentisch wirkte, obwohl die Band aus München stammt. Das hat Spaß gemacht! - Danach gab es wieder drei reizvolle Konzerte gleichzeitig. Ich wollte zum Abschluss nichts Melancholisches, sondern etwas Fröhliches, daher entschied ich mich gegen Woven Hand und zunächst auch gegen Dreva zu Gunsten von Etnika aus Malta im Heinepark. Als ohne jede Begründung die Anfangszeit um eine halbe Stunde verlegt wurde (wie in all den Jahren zuvor schien auch diesmal wieder ein Fluch über dieser Parkbühne zu liegen!), war ich natürlich sauer und stratzte schnell zum Theaterplatz, um doch noch möglichst viel von Dreva zu erleben. Dick in Landestrachten eingehüllte Russen (je zwei Männer und Frauen) sangen Volkslieder, Tanzlieder und spielten Tanzmelodien in sehr traditionellen Arrangements, teilweise vierstimmig gesungen und stets freundlich moderiert. Hier erfährt der Begriff "Tanz&FolkFest" noch einmal eine Berechtigung! Wunderschön, erinnerte mich an Rubon 1997, nur viel zu schwach besucht. Danach schnell zurück in den Heinepark zu Etnika. Ja, recht gefällig und farbenfroh, mit einer aufgebrezelten Sängerin und einer Flamenco-Tänzerin, aber auch wieder mit Blechbläsern. Folk-Rock aus dem Mittelmeer, schwungvoll und zum Tanzen geeignet, aber sechs Stunden zu früh für das passende Feeling. Tja, das war's dann. Die Abschlussveranstaltung bewies, dass man sie nicht sehen muss. Es waren belanglose Bands dabei und solche, bei denen man sich fragt, was sie mit Weltmusik (von Folk ganz zu schweigen) zu tun haben, z. B. Katalena, Françoiz Breut oder gar die Hip-Hopper Ohrbooten. Zum Schluss, nachdem Michael Kleff sich als Sportreporter betätigt und vom Elfmeterschießen des Fußball-WM-Finales berichtete (dessen Ergebnis der Laune der überwältigenden Mehrheit nicht gerade zuträglich war), wurde nochmals über die Hälfte des Magie-Konzertes aufgeführt. Ich blieb nur, weil ich am nächsten Morgen mit dem Rad Richtung Franken starten wollte.
Es war ein Festival mit relativ wenigen Höhepunkten und auch einigen Ärgernissen (viel zu viele Jazzelemente, vermeidbare Verzögerungen, ganz schlechter Sound im Tanzzelt, Gequatsche am Campingplatz-Eingang). Der Besucherrekord von 65000 lässt allerdings erwarten, dass sich der Programm-Beirat auf dem richtigen Weg sieht und auch 2007 wieder internationale Stars wie diesmal Suzanne Vega oder Jimmy Cliff einlädt anstatt sich mal wieder den eigenen Wurzeln zu nähern und mehr echte Folkmusik zu bringen, ohne diese ins Straßenmusikprogramm zu degradieren. Dass es trotzdem immer wieder schön ist, nach Rudolstadt zu fahren, ist der fantastischen Atmosphäre, der farbenfroh gestalteten Stadt, den freundlichen Menschen und den immer noch verbleibenden schönen Konzerten zu verdanken. Bei der Festlegung der besten Konzerte war es sehr schwer, zwischen dem einzelnen Erlebnis und dem dauerhaften Eindruck der musikalischen Qualität abzuwägen. Ich habe mich für folgende Reihenfolge entschieden:
1 Triskilian, 2 Titi Robin, 3 La Chavanée, 4 Dreva, 5 Rada Synergica, 6 Shoghaken Ensemble, 7 La Notte della Taranta, 8 Bagad Roñsed-Mor, 9 Suden Aika, 10 Dainava